
Foto links: Mehr als 10 Millionen Deutsche aus Ostpreußen, Schlesien und Hinterpommern waren im Jahre 1945 auf der Flucht vor der nahenden Front
Fotos unten (von links): Die Stadt wurde am 12.März 1945 zu 60 zerstört.
Der Turm der Lutherkirche dient heute als Aussichtsturm, das Kirchenschiff und die Sturmspitze wurden abgerissen.
Das Foto rechts unten zeigt von links nach rechts A. Edward Wilen, Sid Katz und Herbert Weber.



Am 12.März 1945 mittags gegen 12.05 Uhr heulten in Swinemünde die Sirenen. Etwa eine Stunde lang griffen 671 schwere viermotorige Bomber der 8.US Luftflotte (B 17 - fliegende Festungen und R 24) sowie 412 Jagdflugzeuge die Stadt an. Aus 6000 m Höhe wurden 1609 t Bomben abgeworfen. Das Hafengebiet, die Altstadt und die Strandsiedlung versanken in Schutt und Asche. 12 voll beladene Flüchtlingstransporter hatten kurz zuvor Swinemünde angelaufen. Sechs sanken, darunter die Cordillera und die „Andros“. Beim Untergang der Andros fanden 570 Menschen, meist Frauen und Kinder, den Tod. Schätzungen sprechen von bis zu 23000 Toten. Das ist wahrscheinlich etwas zu hoch angesetzt. Man kann jedoch von einer fünfstelligen Opferzahl ausgehen.
Damit steht Swinemünde in einer Reihe mit solchen deutschen Städten wie Hamburg, Kassel, Darmstadt, Pforzheim und Dresden. Betrachtet man die Größe der Stadt Swinemünde, dürfte es der verheerendste Angriff auf eine deutsche Stadt gewesen sein. „Das Massaker von Swinemünde“ (J. Friedrich: „Der Brand“) steht in den Annalen der 8.US – Flotte als Angriff auf Rangierbahnhöfe.
Der englische Philosoph A. C. Grayling („Die toten Städte“) hatte angesichts solcher Angriffe auf deutsche Städte geschrieben: "Es war ein gerechter Krieg gegen verbrecherische Feinde, in dem die späteren Sieger in einigen wichtigen Aspekten moralisch genau so tief sanken wie ihre Gegner, eine Tatsache, die inständig und offen bereut werden sollte."
Nunmehr, fast 60 Jahre später, erstellt Herr Dr. H. Schnatz aus Koblenz (der die Annalen der genannten Flotte als Prämisse seiner Thesen verwendet) den folgenden zynischen Dreisatz: Eine Tonne Bomben der Alliierten hat im Durchschnitt 3,1 Menschen getötet. Wie viele Menschen starben dann durch die 3218 Bomben auf Swinemünde? Und es gelingt ihm auf diese Weise, die Zahl der Opfer (wenigstens auf dem Papier) erheblich zu minimieren
Die meisten Opfer wurden auf dem Golm beigesetzt, wo sich seit Jahrzehnten eine Gedenkstätte befindet.
Der Webmaster hat den Bombenangriff auf Swinemünde erlebt und so die Schrecken des Krieges kennen gelernt.
E.R.
Der
Stern hatte im März 2005 anlässlich des 60.Jahrestages des Angriffs auf die
Stadt Swinemünde auf seiner Website - ebenso wie der
Nachrichtensende ntv und andere Medien auch - das folgende, von der dpa mit
Carola Stern und dem Webmaster dieser Seite, Erwin Rosenthal, geführte Interview
übernommen und zudem einen Link zu unserer Site gesetzt
Hier die dpa - Meldung:
Dienstag, 8.März 2005
Inferno an der Ostsee
Bombardierung von Swinemünde
Zehntausende Flüchtlinge in der Hafenstadt Swinemünde
auf Usedom wähnten sich Anfang März 1945 schon in Sicherheit. Sie waren der
Roten Armee über die Ostsee oder über Land entkommen und rechneten nun mit dem
baldigen Kriegsende.
Die Straßen der 20.000-Einwohnerstadt waren verstopft mit
Planwagen, auf denen die Menschen das transportierten, was sie in aller Eile
hatten retten können. Am 12. März warfen 671 Bomber der 8. US-Luftflotte
insgesamt 1.600 Tonnen Bomben über Swinemünde (heute Swinoujscie) ab. Sie
verwandelten das Chaos in ein Inferno. Die genaue Zahl der Opfer konnte nie
ermittelt werden, Schätzungen gehen von 23.000 Toten aus.
"Als um 11.00 Uhr die Sirenen heulten, machten wir uns
zunächst keine großen Sorgen, weil es zuvor schon so oft Fehlalarm gegeben
hatte", erinnert sich die Publizistin Carola Stern, die den Angriff als
19-Jährige miterlebt hat. "Als dann eine halbe Stunde später die ersten Bomben
fielen, zog mich ein Soldat zu Boden und wir robbten in eine Waschküche. Ich
dachte, meine letzte Stunde hätte geschlagen." In ihrem Versteck fand die junge
Frau Trost bei einer Berlinerin, die schon zahlreiche Angriffe auf die
Hauptstadt mitgemacht hatte. "Sie erklärte, dass Bomben, die man pfeifen hört,
woanders einschlagen."
Rund eine Stunde dauerte der Angriff. "Die Stadt war
danach eine einzige Schutthalde. Auf den Straßen lagen überall tote Menschen und
Pferde sowie Hausrat aus den Wagen der Flüchtlinge." Viele von ihnen starben,
weil sie ihre Habseligkeiten während es Angriffs nicht alleine lassen wollten.
Die grauenhaften Szenen raubten Stern fast den Verstand: "Ich lief mit einem
irren Lachen durch die Stadt. Im Stadtpark lagen überall abgerissene Köpfe und
Gliedmaßen, weil die Bomben mitten unter die Menschen gefallen waren, die dort
Schutz gesucht hatten."
Erwin Rosenthal, damals fünf Jahre alt, befasste sich
später ausgiebig mit dem Angriff. Rosenthals Familie verlor bei dem Bombardement
ihren gesamten Besitz. "Als der Alarm losging, liefen wir von unserer Wohnung
zwei Häuser weiter zu meiner Großmutter. Kurz darauf zerstörte eine Bombe unser
Haus und das Haus meiner Großmutter wurde schwer beschädigt." Er selbst stürzte
in den Keller, wie durch ein Wunder überlebten er und die ganze Familie. "Ich
konnte sehen, wie um uns herum alles in Trümmer fiel oder Feuer fing. Wir sahen
Schwerverletzte, die durch die Straßen humpelten und vor Schmerz schrien." Heute
versuchen er und sein polnischer Co-Autor Józef Plucinski, das Trauma des
Angriffes und des Verlustes der Heimat auf einer Internetseite über Swinemünde
zu verarbeiten.
Die Bombenopfer fanden ihre letzte Ruhestätte auf dem
Golm, einem Hügel außerhalb der Stadt, der vor dem Krieg ein beliebtes
Ausflugsziel der Swinemünder war. Viele tausend Tote wurden dort bestattet, die
meisten anonym in Massengräbern. "Die Kinderleichen wurden zuvor im Hafen der
Größe nach sortiert und gestapelt", erinnert sich Stern. Auch sie verurteilt den
Angriff: "Dafür habe ich lange gebraucht. Schließlich hat Deutschland den Krieg
angefangen. Als ich als junges Mädchen in der Wochenschau die deutschen Piloten
bei ihren Angriffen gesehen habe, habe ich auch kein Grauen empfunden, sondern
eher Stolz. Ich dachte daher, ich hätte kein Recht, andere zu verurteilen. Aber
eine Stadt voller Flüchtlingen so kurz vor Kriegsende zu zerstören, war ein
schweres Unrecht."
(Axel Büssem, dpa)
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Epilog |
Zufall oder Fügung - eine Begegnung 61 Jahre nach
dem Krieg
Eine Flugreise führte mich Ende Februar 2006 nach Florida, wo
ich in Delray Beach meinen Kindergarten- und Jugendfreund Werner M. besuchte.
Er ist seit fast 30 Jahren in Montreal/Kanada ansässig, verbringt aber von
Dezember bis Mitte April Jahr für Jahr seine Zeit im sonnigen Florida, wo er ein
eigenes Apartment besitzt.
Wie auch in den Jahren vorher fand auf dem Flughafen von Boca Raton, Florida,
nur eine halbe Autostunde entfernt, eine Schau von flugbereiten amerikanischen
Bombenflugzeugen aus dem zweiten Weltkrieg statt. In einer Lokalzeitung war auf
dieses Ereignis (siehe Notiz) aufmerksam gemacht worden. Veteranen, inzwischen
alt gewordene ehemalige Piloten und Besatzungsmitglieder, stellten sich den
Besuchern für Führungen und Informationen zur Verfügung.
Auch mein Freund und ich besuchten am 27. Februar diese Flugzeugschau, waren
uns doch solche Bombenflugzeug-Typen aus der Kriegszeit, durch deren Überfliegen
unseres Landes mit dem Ziel eines Angriffs auf eine deutsche Stadt bestens
bekannt. Beim Betrachten dieser Flugzeuge stieg in mir die Erinnerung an das
Bomben-Inferno von Swinemünde am 12. März 1945 hoch, an eine schreckliche
Stunde, die ich als dort angelandeter Schiffsflüchtling aus Rügenwalde in
Ost-Pommern kommend zusammen mit Mitschülern und einigen unserer Lehrer erleben
musste.
Wir trafen auf zwei alte Flieger, von denen der eine – A. Edward Wilen aus Boca
Raton, Florida, übrigens der Ausstellungsleiter und schon 84 Jahre alt – als
Pilot nahe Magdeburg 1944 von deutscher Flak abgeschossen worden war. Er konnte
sich mit dem Fallschirm retten und kam in Stargard in Pommern ins
Kriegsgefangenenlager, wurde dann aber vor der herannahenden Roten Armee nach
Moosburg in Bayern verlegt und dort später von seinen einrückenden Landsleuten
befreit.
Ein anderer Veteran, 80 Jahre alt, namens Sid Katz aus Livingston, New Jersey,
entpuppte sich als ehemaliger „Radar Operator“ an Bord eines viermotorigen
Bombers, der insgesamt 30 Einsätze auf Ziele in Deutschland geflogen hatte. Bei
meiner Frage nach den angegriffenen Städten nannte er Magdeburg, Kassel usw. und
kam schließlich zu einer Schilderung, die ihn offensichtlich belustigte. Eines
Morgens wäre in aller Herrgottsfrühe beim Einsatzbefehl für ein neues Bombenziel
der Name „Schweineminde“ gefallen. Das Aussprechen dieses Städtenamens hätte so
jiddisch und somit so komisch geklungen, was ihm als Juden besonders aufgefallen
wäre. Ich vergewisserte mich und konnte klarstellen, dass es sich um Swinemünde
an der Ostsee und um einen Montag im März 1945 gehandelt hatte.
Meine Verblüffung war riesig. Mein Freund und ich sahen uns an und ich sagte
spontan zu Mr. Katz: „You bombed me, but I survived and I could escape!“
Du hast mich bombardiert, aber ich überlebte und konnte entkommen!
Er ergriff meine Hände und wir schauten uns lange in die Augen! Ich musste
also nach Florida reisen und hier ganz zufällig einen Menschen treffen, der
mitgeholfen hatte, nicht nur mir während des Angriffs im Keller des
Fontane-Lyzeums in der Roonstraße die angstvollsten 70 Minuten in meinem damals
14 Jahre jungen Leben zu bereiten, sondern auch tausendfachen Tod über
Swinemünde zu bringen, abgesehen von den vielen Verwundeten, den seelisch
Verletzten und den enormen materiellen Schäden und Verlusten. Er wusste
nicht, dass der Angriff am 12. März 1945 über 20.000 Menschenleben gekostet
hatte, und seine Stellungnahme dazu, die schon ein gewisses Bedauern erkennen
ließ, fasste er in dem Satz zusammen: Ich war damals 19 Jahre alt und hatte
meine Pflicht zu tun!
Er berichtete, dass der Angriff auf Ersuchen der Sowjets erfolgt sei und die
umfangreiche Bomber-Formation (671 viermotorige Bomber, die 1.609 Tonnen
Bomben abwarfen) durch eine verhältnismäßig zahlreiche Jagdflugzeug-Eskorte
(412 einmotorige P 51- Mustang) begleitet worden wäre. Man hätte trotz
des Niedergangs der deutschen Luftabwehr in dieser Endphase des Krieges Angst
vor deutschen Jagdflugzeugen gehabt und deshalb wäre auch dem Begleitschutz
aufgegeben worden, immer in Flughöhe mit den Bombern zu bleiben. Er schloss
nicht aus, dass vereinzelte Begleitjäger diesen Befehl ignoriert und
wahrscheinlich auch ein paar Tiefangriffe durchgeführt hätten.
Ich habe von Sid Katz Angaben über seine Einheiten und deren Bezeichnungen
erhalten und nach meiner Rückkehr in meinen Unterlagen feststellen können, dass
seine Zugehörigkeit zur 8th USAirforce, 2nd Air Division, 467th Bomb Group
beim Angriff auf Swinemünde zutreffend ist. Er erzählte mir, dass er viele
Reisen nach Europa nach dem Kriege unternommen hätte, aber nie nach Deutschland
gekommen sei. Ich habe es mir versagt, ihn nach dem Grund zu fragen. Vermutlich
hat es mit den Folgen der Judenverfolgungen im Dritten Reich zu tun.
Wir haben unsere Adressen ausgetauscht, wollen in Verbindung bleiben, und ich
werde ihm nicht nur die Broschüre „Das Inferno von Swinemünde“ zusenden, sondern
ihm auch andere Unterlagen, u.a. den englischsprachigen Flyer über die
Gedenkstätte Golm zu Verfügung stellen und ihn auf einschlägige Webseiten
hinweisen.
Herbert Weber, Iserlohn